Presse

Jazzthing 2/2021 – Rolf Thomas

Rollende Trommeln, ein feines Klanggespinst aus fein ziselierten Becken – das ist die Klangwelt des Hamburger Schlagzeugers Björn Lücker, der sich auf diesem Album mit dem Kölner Posaunisten Andreas Schickentanz zusammengetan hat. Der verfremdet den Klang seiner Posaune mit allerlei elektronischen Effekten, was manchmal so weit geht, das man den Ursprung der Töne kaum noch zuordnen kann. Die Musik, die die beiden spielen, atmet Weite, kann sich aber auch urplötzlich in eine klaustrophobische Atmosphäre voller drängender Rhythmen zusammenstauchen. `Taking of to infinity´  heisst ein Stück, in dem sich Lücker auf einmal in Jon Christensen zu verwandeln scheint, andere sind freie Konversationen, in denen alles möglich ist, oder verwenden Ambient-Elemente und repetitive Muster aus der Minimal Music. Ein Duo, das man so noch nie gehört hat und das auch `The beast under my bed´ Ausdruck verleiht.

 

 

SONIC 2/2021 – Hans Dieter Grünefeld

Klänge sind in der Musik nicht einfach für sich da. Vielmehr entstehen sie aus lntentionen, etwa der, ihnen durch Sequenzen wie bei einem gesprochenen Text oder Narrativ zu folgen. Oder es gibt ,,Suspicion About The Hidden Realities 0f Sound „, also Verdacht auf eine verborgene Wirklichkeit, vom Posaunisten Andreas Schickentanz aus Köln und Schlagzeuger Björn Lücker aus Hamburg bei einer gemeinsamen Session intensiv untersucht und hörbar gemacht. lhre Methode ist assoziativ, wenn sie dialogisch einen Forrest (Wald) an sich betrachten: Mit einzelnen Elektro- und Posaunentönen im Diskant ist schneller Raschelpuls kombiniert, aus dem sich Bürsten-Swing und festere Strukturen entwickeln. Ähnlich ist ,,Taking Off To Eternity“ eine Prozedur, die von metallisch-punktierter Perkussion zu Beat- Figuren führt, bei denen sich parallel Mundstückgeräusche zu einer Elektro- Elegie verdichten Anders gesagt: Klangsilhouetten formen sich durch aufmerksame lnstrumentalgespräche, sodass sich ein ,,0pen Call“ aus Motiv- zellen und angedeutetem Swing entfalten kann, ,,Water“ als blubbernde Posaunengeräusche über Drum-Ostinato oder gar ,,The Beast Under My Bed“ in einem Crescendo von knurrenden zu alarmierenden Lauten erlebt werden können. Ein dramaturgisches Gerüst wie in einer Suite bekommen diese Szenen mit drei ,,lnter udes“ aus gläsernen Harmonien mit Hall, Choralfragmenten mit Harmon-Dämpfer und repetitiven Elementen. Wenngleich die jeweiligen Titel nahe legen, dass eine bestimmte Wahrnehmung oder gar eine lmagination angesteuert worden wäre, so sind die Duo- Experimente von Andreas Schickentanz und Björn Lücker doch keine Programm-Musik, sondern offen mehrdeutig. Die der Posaune genuine Linearität wird sowohl akustisch durch Dämpfer und Multiphonics als auch elektronisch durch diverse Amplifikationen oft vertikal gedreht. Umgekehrt streckt Björn Lücker die normalerweise simultanen perkussiven Klänge so, dass sie peu a peu zu Ereignisfolgen werden. Beide Modi können bei diesen Aufnahmen eine Zeit lang unabhängig nebeneinander präsent sein oder in Dialogen konvergieren. Sie haben dadurch einen gewissen Halt und eine dezente Orientierung, dass sie nicht total auf Spontaneität vertrauen, sondern auf Kompositionen basieren. Mehrdeutigkeit, Atemrhythmus und Sensitivität lösen konventionelle Parameter der Musik partiell auf. Andreas Schickentanz und Björn Lücker lüften mit und durch ihre Konversationen kleine Geheimnisse unterbewusster Klanggefühle. 

 

Stefan Hentz (Die Zeit,Jazzthing,NZZ, WDR…)

Andreas Schickentanz, Köln, Posaune, Elektronik. Björn Lücker,  Hamburg, Schlagzeug, Perkussion. Zwei Instrumentalisten, die die Suche nach neuen Möglichkeiten und Begegnungen zwischen Jazz und Ambient, Minimal und Neuer Musik zu ihrer Heimat gemacht haben. Einerseits pflegt Schickentanz ganz selbstverständlich das ganze Klangpotential seiner Posaune, den klassisch reinen Ton ebenso wie das Schmatzen, Bratzen, den Hauch des Atems – doch zugleich erschließt er durch die Verwendung von Echogeräten, Loopmaschinen und elektronischen Effektgeräten neue Klangräume, in denen sich die Unterscheidung zwischen Ton und Klang, zwischen Intervall und Melodie und Rhythmus auflöst. Auf einem gegenläufigen Prozess bewegt sich Lücker, in dem er sein Schlagzeug als analogen Klanggenerator ernst nimmt, und mit sehr verschiedenartigen, geräuschhaften Sounds eine analoge Klangwelt voller polyrhythmischer Spannungen erschafft, in der Spuren von Trance und archaischen Ekstasen durchklingen. In der Begegnung der beiden Musiker kollidieren Welten, werden  Energien frei gesetzt und Momente tiefer Entspannung und subtiler Schönheit geschaffen. 

 

 

Portrait SONIC 2019

Luft, Schwingungen und Electronics – Hans-Dieter Grünefeld

 

 

„Solo playing doesn’t have to involve alienating experimentation as Schickentanz demonstrates on his disc. Yet […] his […] session[…] demonstrate[s] how satisfying a singular brass recital can be even if all tones arise from one sophisticated and tenacious soloist.“

– Ken Waxman, Jazzword, 06 Jun 2019

 

 

Der Albumtitel  stories from the crooked path lässt sich wörtlich nehmen: Schon seit einer Weile probiert Andreas Schickentanz durch unbegleitetes Solospiel auf der Posaune neue Formen des Ausdrucks und der Gestaltung, der tonalen Klangerweiterung und rhythmischen Ausformung aus. Für ihn ist zielloses Umherschweifen ein äusserst kreativer Prozess, um überhaupt die Gedanken zu fokussieren, die Sinne zu schärfen und ungewöhnliche Klangquellen zu entdecken. Die werden durch den intuitiven Prozess der Improvisation in eine eigene Sprache übersetzt. Geräusche werden zu Klängen – und vice versa – , konkrete Rhythmen lösen sich in freies Pulsieren auf, digitale Loops verweben Schickentanz´ lineare Posaunen-Improvisationen in mal hell aufleuchtende, dann wieder leise verhuschende Miniaturen.

Martin Laurentius, JAZZTHING Mai 2019

 

Mit Posaune und Elektronik – Andreas Schickentanz in der Kulturbühne Halbe Treppe

Im Februar spielte er bei „open“ im Kunstmuseum – nun war AndreasSchickentanz in der Halbe Treppe und man konnte gespannt sein, was er mit seiner Posaune in dem kleinen Raum machen würde. Und es war sehr berührend, mit welchen wie aus der Ferne kommenden leisen Tönen er sich mit „Triptychon“ einfand und das Publikum mitnahm. Auf der Bühne vor ihm liegen die elektronisch-akustischen Geräte, die er mal mit den Füssen, mal mit den Händen bedient – immer lauschend auf das, was er eben selbst dort eingespielt hat. Überhaupt zeichnet ihn dasruhige Hinlauschen aus, und der Zuhörer kann sich nur darauf einlassen,um ihm auf den Klang- und Geräuschpfaden zu folgen. Und dann derlange, präzis geblasene Ton, der sich mühelos in Tiefen und Höhenbewegt und in dieser Geräuschwelt wie ein großer Atem klingt.

Humorvoll und auch meditativ wirken diese neuen Klangwelten amRande der Musik – man fühlt sich mal in einer Metropole auf einerBrücke, hört den Zug ? – oder was hört man eigentlich? – oder läuft durch ein Industrieviertel, um zwischen den Arbeitsgeräuschen aus denHallen immer wieder einen klaren Posaunenton zu erlauschen. Insofern lotet er den Einfluss der digitalen Möglichkeiten auf die Musik aus, wobei der Ton rein technisch zerlegt und bearbeitet werden kann. Und man hört den Unterschied, wenn dann die Posaune erklingt – jetztim Moment geblasen und unverfälscht.

Gabriele Schneeweiss, Heidenheimer Zeitung, 7.10.2019

 

Kölner Stadt-Anzeiger August 2019 – Klangprobe-Schickentanz

 

down beat – 8/2014 by Jeff PotterAndreas Schickentanz, Chimera (Jazz Haus Musik 214; 64:01, 3 stars)

A busy trombonist-composer based in Cologne, Andreas Schickentanz is a swinging, thoughtful and dexterous soloist. He also knows the elemetal value of a great sounding long tone. The bandleader has a warm, expressive sound from the bottom to the top of his instrument. And he has carefully chosen bandmates whom are equally dedicated to the beauty of sonic blend. This is especially evident in his brotherly blend with tenor saxophonist Matthias Erlewein. The naked improvisations here sometimes incorporate electronic effects and snippets of field recordings. Even within that seemingly aberrant input, the trombonist finds the connecting color thread.

 

IPV Printjournal – Axiom /Andreas Mössinger 2015

Der Kölner Jazzposaunist und Komponist Andreas Schickentanz (*1961, ursprünglich Absolvent der Kölner Musikhochschule bei Prof. Jiggs Whigham) legte in diesem Jahr eine neue CD vor. Zu seinen bisherigen Projekten zählen das Quintett Refugium, das Schickentanz Quartett und das Cologne Contemporary Jazz Orchestra (gegr. 2002). Letzteres arbeitete mit sehr bekannten Stars wie u.a. Lee Konitz, Markus Stockhausen. Die vorliegende CD ist die dritte, die er mit seinen eigenen Kompositionen veröffentlichte. Musizierte er bei den anderen beiden (Flat Earth News, Chimera) mit seinen bekannten und befreundeten Jazzkollegen, so war er bei der Aufnahme zu „Axiom“ ganz alleine aktiv (natürlich plus Tonmeister im Studio…). 11 Kompositionen wurden solistisch eingespielt und auf der CD mit ganz verschiedenen Soundeffekten zu einem vielschichtigen Klang modelliert.

Der Titel „Axiom“ heißt übersetzt Leitsatz (Grundsatz,Richtlinie). Die 11 Titelbezeichnungen sind: Häutungen, ZugzwangI,Schonfrist, Pausenbrot, Nachtblind, Axiom, Hundetraum, Kurzwellen, Zugzwang II, Über die Einsamkeit im Weltall, Montieri (abends).

Der Klang einer einzigen Posaune wird durch Aufnahmetechnikmehrstimmig präsentiert genauso wie durch elektronische und akustische Effekte klanglich reich erweitert. Der Hörer taucht gleichsam ein in eine Welt der Vorstellung, deren Bilder zu einer Klangwelt modelliert werden. Verspieltes Verweilen in den musikalischen Ideen, im Rhythmusgroove und im harmonischen Zusammenhang, dazu plötzliche Überraschungen und hohe gestalterische Intensität kann man erleben, einen überraschend groovigen und gut hörbaren Sound, immer etwas witzig oder besser eine durchweg frische Brise… Lautmalerisch beschreibende, manchmal realistische Hörbilder sind aber dabei auch philosophisch hintersinnig, fast archaisch. Sie werden musiziert mit echtem, guten Posaunensound von der tiefen Lage bis nach oben frei und gestalterisch eingesetzt mit begeisternden kompositorischen Ideen.

Es empfiehlt sich zugewandtes Anhören, was in jedem Fall sehr belohnt wird mit einer Fülle an Musik und unterhaltsamen Hörerlebnissen, wovon man überrascht ist, dass „alles“ urspünglich mit einer Posaune eingespielt ist.

Gratulation an Andreas Schickentanz für eine sehr gelungene,absolute Ausnahme-CD, die trotz allen Avant-Gard-Stils nie die „bodenständige“ Hörbarkeit außer Acht lässt und deshalb genauso gerne seinem Hörer erzählen möchte, wie sie von diesem auch gehört werden möchte.

Durch die Situation des solistischen Spiels erinnert mich die CD im Grundsatz an die ebenfalls alleine gespielten Auftritte und Aufnahmen von Albert Mangelsdorff, der u.a. mit Dämpfereffekten, dichtem Mikrophon und Multiphonics seinen Posaunenklang erweiterte.

Diese CD möchte ich den Lesern sehr empfehlen.

 

Audio 07/2015 : 56 – Werner Stiefele

Der Posaunistenkollege (bezieht sich auf eine vorherige Rezension von Samuel Blaser) Andreas Schickentanz setzt auf seiner Soloscheibe `Axiom´ hingegen explizit auf die Möglichkeiten der elektronischen Soundbearbeitung, um Klangfülle, Mehrstimmigkeit. metallische Sphären oder verwaschene, an die Tonfärbung der ersten Syntheziser erinnernde Klangwolken zu erreichen..

Zwischendurch baut der Kölner Freidenker auch mit fast konventionellen Posaunentönen loopartige Effekte: eine vielfältige Scheibe, die mit völlig anderen Mitteln an die Innovationsfreude Mangelsdorffs anknüpft.

 

Kurt Rade / VirginJazzFace  – AXIOM, 2015

Kürzlich traf ich Andreas Schickentanz im domicil in Dortmund wo er zu der Reihe „Dortmunder Jazzwerkstatt“ als Gastmusiker spielte. Seine CD hatte ich schon vorher und nutzte die Gelegenheit ihm ein paar Fragen zu dem Projekt zu stellen. Lange wurden ja keine Solo-Projekte auf CD mehr von Posaunisten veröffentlicht.

Neu war für mich, dass Andreas schon sehr lange mit technischen Geräten experimentierte und dieses zu einer wirklichen Vollkommenheit gebracht hat.

Die Kompositionen sind durchweg ruhig gehalten und gehen den Weg einer Verinnerlichung. Auch hier wirkt AXIOM wie ein Buch mit vielen Kurzgeschichten die aber einer treuen Linie folgen.

Besonders hat mich das Stück „Über die Einsamkeit im Weltall“ beindruckt. Es erweckt sich der Eindruck dass im Hintergrund der Posaune ein Orchester spielt. Beeindruckend wieviel Ruhe und Zeit sich Andreas nimmt. Sehr konzentriert gespielt und die Töne raffiniert mit der Technik verbunden. Die kompositorische Reife von Andreas Schickentanz ist beindruckend, seine Tonbildungen sind Modern und haben keinen Charakter von Mainstream.

Auch seine Spieltechnik ist ein Unikat, denn um so viele Tonvariationen spielen zu können brauch es eine eigenständige Entwicklung.

„AXIOM“ ist mehr als hörenswert und gehört in jede Sammlung von Jazzhörern,  die Posaune lieben.

 

Jazz Thing / Juni-August 2013 – Andreas Schickentanz , Chimera 

Chimären sind mythische Wesen, halb Bock, halb Löwe, oft beflügelt. Posaunist Andreas Schickentanz vereint nicht nur auf dem Titelstück seiner neuen CD `Chimera´ viele unterschiedliche musikalische Facetten zu einem Gesamtbild, das aber weit mehr als halb und halb verspricht und keineswegs bockig oder gar wie ein brüllendes Fabeltier daherkommt. Beflügelt und eher einem eleganten Pegasus gleich spielt das Quintett luftig leicht und mit einer erfreulichen harmonischen Vielfalt. Die reiche Harmonik und melodischen Sequenzen ergänzen und reiben sich mit offenen, freieren Strukturen, die manchmal wie Klangcollagen erscheinen, sowie die beiden `Brussels night´ – Parts oder in ` A taxi will come´. Alles gemeinsam verbindet sich zu einem organischen Gruppensound. Schickentanz´ Posaunenspiel istgeschmeidig, prominent, aber nicht dominant. Sparsam und gezielt eingesetzte Samples schaffen zusätzlich Atmosphäre und ziehen den Hörer schon mit dem Opener `Unter Menschen´ in den musikalischen Kosmos des Kölners. In dem findet sich auch die Volksweise `Sah ein Knab ein Röslein stehn´, die nach anrührendem, aber keinesfalls kitschigen Beginn einen fulminanten Groove entwickelt. Weil das Röslein der einzige Track ist, der nicht aus der Feder des Posaunisten stammt, unterstreicht das Repertoire auch die überzeugenden Qualitäten als Komponist.

 

Jazz Podium – Chimera / Hans Bernd Kittlaus 2013

Posaunist Andreas Schickentanz legt mit „Chimera“ seine zweite CD unter eigenem Namen vor, eingespielt mit seinem Quintett REFUGIUM, das seit 2010 besteht. Der Hörer spürt jederzeit die Vertrautheit der Bandmitglieder untereinander und mit den elf Eigenkompositionen des Leaders.

Schickentanz prägt mit seinem sehr runden, kultivierten Posaunen-Sound die Musik und sticht auch solistisch hervor, etwa in „Jaune et Vert“ oder dem Solostück „Solitary“. Ihm zur Seite steht der Tenorsaxofonist Matthias Erlewein, der ähnlich wie Schickentanz musikalische Substanz überheldenhafte Virtuosität stellt. Die Musik bewegt sich überwiegend auf eher ruhigen Pfaden bis hin zu Lounge-Anklängen, so etwa in „Abbygail“ mit der Sängerin Filippa Gojo als Gastsolistin. Abwechslung schaffen eine Sound Collage unter dem Titel „A Taxi Will Come“ mit Taxi-Hupen und der Stimme eines Muezzins oder die gelungene Verjazzung des deutschen Volkslieds „Sah ein Knab ein Röslein stehen“. Schlagzeuger Jens Düppe hat großen Freiraum, den er gekonnt mit perkussiven Farben ausmalt. Gemeinsam mit Bassist Volker Heinze schafft er eine stabile rhythmische Basis, die den beiden Bläsern ebenso den Rücken freihält wie dem Pianisten Lars Duppler, der besonders mit seinem Solo in „Boviscopophobia“ (Angst als Herdentier angesehen zu werden) glänzt. Insgesamt eine CD, die mehrfaches Hören mit immer neuen musikalischen Entdeckungen belohnt.

 

Joachim Holzt-Edelhagen -Chimera / Andreas Schickentanz – April 2013  

Der Posaunist Andreas Schickentanz fasziniert die Welt mit seiner neuen CD “ Chimera“ – Zusammen mitMatthias Erlewein (ts), Lars Duppler (p), Volker Heinze (b), Jens Düppe ( dr), Johannes Behr (g), Fillippa Gojo (voc) entsteht ein Klangkosmos des traditionellen Jazz, ohne sich im Gestern zuverlieren. Das hochkarätige Ensemble zieht den Hörer ab dem ersten Stück in seinen Bann. Die vielfarbigen Stücke wie z.B. “ Unter Menschen “ – “ Brussel night “ – Jaune et vert “ u.a. fügen sich harmonisch zusammen. Dem Hörer verbleibt ein eleganter Fluss an Jazz-Musik , die beeindruckt. Durch den samtigen Klang der Posaune mit Effekten wird das Album zu einer besonderen Atmosphäre. Gehaltvolle Soundvarianten zu einerWeichheit, die punktgenau u. witzig ist. Kompositionen von Andreas Schickentanz, an denen das Jazz-Herz nicht vorbei kommt. Weggefährten sind auch Lee Konitz -David Liebmann- Claudius Valk -Norbert Stein-Markus Stockhausen u. Nils Wolgram . Ein “ Star Ensemble“ hochkarätig und beeindruckend.April 2013 / Joachim Holzt-Edelhagen

 

Uli Kuth – Chimera / Jazzhaus Musik JHM 214, 2013

Ein verspäteter Wintermorgen, Anfang April, Schnee und Regen, die Wolke nähert sich den Straßen und färbt die Luft milchig-dunkelgrau. Warum aufstehen? Das hätte eigentlich noch Zeit. Der Briefträger bringt eine neue CD mit einem in dieser Situation vielversprechenden griechischen Titel: Chimera, in der Mythologie eine Bezeichnung für feuerspeiende Ungeheuer und Doppelwesen aus Tieren und Menschen. Die spätere Ableitung Schimäre suggeriert eine unreale phantastische Vorstellung, ein Trugbild. Bei Musik wäre das plausibel, denn sie ist für viele Denker `der vollkommenste Typus der Kunst. Sie kann ihr letztes Geheimnis nie enthüllen´. (Oscar Wilde).

Mitte des Lebens. Ein vorläufiges Ergebnis mit 11 abwechslungsreichen Kompositionen von Schickentanz und einem bearbeiteten traditionellen Lied, `Sah ein Knab’ ein Röslein stehen´.  Eine gestandene Besetzung der Kölner Szene:

Andreas Schickentanz, Posaune, Matthias Erlewein, Tenorsaxofon, Lars Duppler, Klavier,Volker Heinze, Bass, Jens Düppe, Schlagzeug. Dazu Johannes Behr, Gitarre und Filippa Gojo, Gesang.

Ein erster akustischer Durchgang –nebenbei, beim Frühstück- schafft eine Ahnung, dass es sich hier um eine konzis durchdachte Produktion handelt, die intelligent und ironisch aus den Jazz- und Literatur-Archiven schöpft und bei aller kompositorischen Stringenz improvisatorische Freiräume für die individuellen Persönlichkeiten ohne verordnende Deckelungen schafft. Sparsam eingesetzte Soundscapes projizieren die Aufnahmen aus dem akustischen Nirvana in erfahrbare Lebenswelten.

`Unter Menschen´ heißt das erste Stück, das den Hörer auf einen belebten Platz einlädt. Daraus schält sich eine harmonische Einleitung für einen mittelschnellen Groove in dessen thematischer Gestaltung Posaune, Tenorsaxophon und Gitarre klar machen, dass es hier kommunikativ `wie im richtigen Leben´ zugeht: keine maschinelle Präzision, sondern ein bewusstes Suchen und Finden in drei Rollen. Die narrative Haltung bricht nicht ab sondern wird zur künstlerischen Haltung. Unter Menschen eben.

`Brussels night I´ ist ein kurzes Stück über einem ostinaten Basston in dem der Atem die Hauptrolle zu spielen scheint. Schickentanz und Erlewein kosten den Tonraum zwischen Ansatz und erstem Klang zu einer subtilen Gestaltung aus.

Zeit für ein schnelleres Stück, das auch zu folgen scheint. Doch man lasse sich nicht täuschen. Die Komposition bezieht auch harmonische Kontrastflächen ein, in denen die Musiker das Tempo variieren können, allerdings ohne es in anderen Musikbereichen wie der freien Improvisation aufzulösen. Der Titel `Boviscopophobia´ ist ein Kunstwort, das die Angst meint, nur als Herdentier angesehen zu werden, ist also übertragen auf den Jazz ein Plädoyer für die künstlerische Eigenständigkeit eines jeden Spielers. Schickentanz und seine Kollegen geben dazu erfrischende Statements in den gemeinsam gestalteten Passagen ab.

Das nächste Stück `Brussels Night II´ ist ein Solostück für die Posaune, für Schickentanz verbunden mit den Erfahrungen, die er in seinen Jahren in Brüssel gemacht hat.

`Ballade des pendus´ ist auch der Titel der bekanntesten Dichtung von François Villon, die `Ballade der Gehenkten´ oder auch `Galgenvögel Ballade´, ein flammender Appell an die christliche Nächstenliebe, den Villon in der Todeszelle geschrieben hat. Hier ist es eine Tango-Reminiszenz im `alten Ton´, also ein Stück nostalgischer Ironie. Der Kriminaltango lässt grüssen. 

Es ist für einen Jazzmusiker eine alltägliche Erfahrung, dass er sich in vielen Idiomen bewegt. Schickentanz trifft seine Auswahl:

`Solitary´ ist ein Solo für die Posaune ohne besondere Effekte, die wieeine Einspiel-Etude anmutet mit einem witzigen Schluss: Der Posaunist verlässt den Raum und geht in den Keller nachdem er die Tür geräuschvoll zuschlägt.

`Abbygail´ formt einen Latin-Song ohne Worte, modern jazz, der eine Brücke zur Bossa Nova sucht.

Kammermusik + modal jazz

`Sah ein Knab ein Röslein stehn´ hat im 19. Jahrhundert Furore gemacht mit dem Text von Goethe, vertont von Franz Schubert. Seitdem zählt es zu den bekanntesten deutschen Volksliedern Doch das Original ist älter. Es erschien 1773 in einer Sammlung von Johann Gottfried Herder, die auch eine Inspiration für Goethe war.

`A taxi will come´ führt in eine klangliche Grossstadtkulisse, Autos, Martinshörner und Hupen, Lautsprecherstimme eines Muezzins. Das Ganze ist der Background für ein mehrstimmiges Posaunensolo in Akkorden mit Hilfe eines Harmonizers. Eben nächtliche Großstadt.

`Jaune et vert´ führt von einem modalen Pedal-Bass zum Thema und lässt den Solisten alle tonalen und rhythmischen Freiheiten. Die handwerkliche Herausforderung für die Band ist das Ziel, gemeinsam am Gerüst des Stücks zu feilen.

Das Finale der CD Chimera ist ein ruhiges Stück. das den Gestus der Einleitung aufgreift und damit dem Projekt eine formale Geschlossenheit gibt. `The weight of shadow´ fasst die spielerischen Stärken der Produktion zusammen, eine konstruktive musikalische Zusammenarbeit in der genügenden Zeit, um emotional und handwerklich auf die Beiträge der Kollegen einzugehen.